Die oxforder Studentenzeitung Cherwell hat vor kurzem einen Artikel über psychische Probleme und Erkrankungen bei Studenten veröffentlicht. Am Beeindruckensten war hierin die Feststellung, dass ein Drittel aller Studenten in Oxford zugeben, psychische Probleme zu haben. Berücksichtigt man dann noch eine gewisse Dunkelziffer an Leuten, die ihre Probleme noch nicht einmal in einer Umfrage benennen (vielleicht, weil sie sich selbst nich eingestehen wollen, welche zu haben) und es sollte die Frage erlaubt sein, wieso bei einem Studium in Oxford die Hälfte aller Studenten krank werden.

Klar, ein Studium ist immer stressig (wenn man es irgendwie ernst nimmt): Geldprobleme, Beziehungsprobleme, Versagensängste, etc. haben viele Studenten an allen Universitäten dieser Welt. Jedoch hat es schon eine etwas andere Qualität, wenn 36% aller Studentinnen in Oxford angeben, eine Essstörung zu haben, während der Durchschnitt anderer britischer Universitäten gerade mal bei 2,5% liegt.
Der Artikel benennt einige mögliche Erklärungen für solch erschreckende Zahlen; allenvoran den enormen Leistungsdruck. Viele Studenten, die alle in ihrer Schulzeit zu den besten Schülern gehörten, finden sich plötzlich im Mittelmaß oder sogar als „schlechteste“ Studenten in Oxford wieder; der Erwartungsdruck von Eltern (die vielleicht selber in Oxford studiert haben) und Professoren (die immerhin drei andere Bewerber für den Studienplatz des Studenten abgelehnt haben) ist nicht unerheblich; und das System in Oxford ist an sich knallhart. Immerhin wird man innerhalb von drei oder vier Jahren (je nach Studiengang) durch das Studium gepeitscht und wird am Ende dieser Zeit mit Examen konfrontiert, die als einzige Bewertungsgrundlage in die Gesamtnote eingehen (d.h. kein Essay und kein Test während des gesamten Studiums zählt für die Gesamtnote, sondern nur ein paar Examen – bei mir waren es acht innerhalb von drei Wochen). All dies verursacht einen manchmal schwer beherrschbaren Druck.

Hinzu kommt, dass das Kernstück des Studiums selbst, das Tutorium, in dem sich ein Tutor (Professor) mit zwei (manchmal auch nur einem) Studenten einmal pro Woche über fachspezifische Themen unterhält, den Druck nochmal verstärken kann. Im Tutorium bekommt eigentlich jeder irgendwann das Gefühl, nicht genug für das Studium getan zu haben (egal, ob man jetzt zwei oder 20 Bücher zur Vorbereitung gelesen hat); und da das Tutorium keine Kuschelveranstaltung ist, und der Tutor versucht, Studenten an ihre Grenzen hernzuführen, hat man selten das Gefühl, etwas gut oder richtig zu machen, auch wenn man dem Leistungsstand mehr oder weniger entspricht. Dies mag für den einen oder anderen unterschiedlich schwer wiegen und auch in großem Maße vom jeweiligen Tutoren abhängen, aber gerade für Studenten, die ohnehin mit Selbstzweifeln geplagt sind, ist das Tutorium alles andere, als eine Therapieveranstaltung. (Und trotzdem halte ich das Tutorium für eine herrliche Erfindung; dazu später mehr)

Zu guter letzt, und darauf geht der Artikel eher weniger ein, wirken sich meiner Meinung nach sozio-ökonomische Aspekte in besonderem Maße auf die Studenten in Oxford aus. Dies findet von gleich zwei Seiten statt.

Zum einen kommen noch immer fast die Hälfte aller Studenten von Privatschulen (während nur 7% aller britischen Schüler in den Genuss einer solchen Schulbildung kommen). Wessen Familie in der Lage ist, für die Schulbildung £ 20.000 (ca. € 30.000) und mehr auf den Tisch zu legen, pro Jahr versteht sich, der darf sich auch als Student eher als wohlhabend bezeichnen. Will heißen: knapp der Hälfte aller Studenten in Oxford steht viel Geld zur Verfügung, um das Studentenleben angenehm zu gestalten. Natürlich wirkt sich dies auf das Sozialverhalten aus: Oxford ist eine sehr teure Stadt, arme Studenten werden teilweise vom Sozialleben ausgeschlossen und Traditionen, wie zahlreiche Feste im Smoking, verdeutlichen immer wieder die Trennlinie zwischen arm und reich.

Der andere Aspekt ist die Tatsache, dass Oxford eine Institution ist, die knallharte soziale Auslese betreibt. Wer einmal angenommen wurde, dem stehen schon viele Türen offen; aber wer zur wirklichen „Elite“ Großbritanniens gehören möchte, der sollte sich wirklich reinhängen, um zu den besten 10-15% aller Studenten zu gehören. Ohne einen First Class Degree (die Bestnote) sind viele Türen gleich wieder verschlossen. Nicht nur besteht deshalb ein nicht immer angenehmer Konkurrenzdruck unter Kommilitonen (ich fand es immer überraschend, wie wenig einige Leute von sich preisgaben und wie wenig manchmal über das Studium geredet wurde). Viele Leute um einen herum fangen früher oder später an, sich tolle Jobs in der City of London zu ergattern, die mit £ 30.000 Einstiegsgehalt (ca. € 45.000) und mehr locken, und es baut sich für einige ein enormer Druck auf, mit dem nicht immer leicht umzugehen ist.

Aus diesen Gründen glaube ich gerne, dass ein Studium in Oxford eher „krank macht“, als anderswo. Erwartung und Realität klaffen manchmal weit auseinander; Selbstüberschätzung und falsche Träume zerplatzen schnell und viele finden sich früher oder später auf dem Boden der Tatsachen wieder (auch wenn die Landung hart sein kann). Und so stimme ich mit dem Artikel überein, dass Oxford neben der akademischen Ausbildung allen voran ein Überlebenstraining ist. Wer das Studium beendet, der hat wahrscheinlich, auch und gerade unbewusst, wesentlich mehr über sich selbst gelernt, als im jeweiligen Fachbereich. Den Statistiken nach ist dies für viele wohl ein recht schmerzhafter Prozess, und einige Studenten, auch wenn sie intellektuell und charackterlich allen Anforderungen genügen, geben irgendwann auf.

Ich will damit nicht sagen, dass Konkurrenzdruck und psychische Probleme anderswo nicht existieren; in der kapitalistischen Gesellschaft findet soziale Auslese ja nicht nur an Universitäten statt. Allerdings sind all die verbundenen Nebeneffekte meiner Meinung nach in Oxford (oder auch Cambridge und anderswo) in höherer Konzentration vorhanden. Wer sich darauf einlassen möchte, sollte sich diese Dinge auf jeden Fall vorher bewusst machen und mit weniger Naivität, als ich sie besaß, auf ein solches Abenteuer begeben.

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